Weltcup in Willingen; Welcome to the middle of snowwhere
Weltcup in Willingen; Welcome to
the middle of snowwhere

Als den “bislang besten Weltcup überhaupt“ bezeichnete der OK-Chef Jürgen Hensel den letztjährigen Weltcup in Willingen, der diesjährige „war mindestens genauso gut“. Seit 20 Jahren findet nun schon der Weltcup in Willingen statt, der für das Land Hessen, neben der Fußball-Bundesliga das „wichtigste Sportereignis“ ist, wie Hessens Innen-und Sportminister Peter Beuth betont. Rund 1400 freiwillige Helfer, die „Free Willis“ sind bei der Organisation des Großevents involviert wobei man sich an die über 50.000 Zuschauer mittlerweile schon fast gewöhnt hat.
Den kleinen Ort Willingen erreicht man in den Untiefen des Nordhessischen Sauerlands. Nach rund zwei Stunden Autofahrt kommen wir, Rudi und Flavio vom Deutschen Sportausweis, in der mit 6.000 Einwohnern durchaus überschaulichen Ortschaft an, die als „Verein der ersten Stunde“ schon seit Gründung des Sportausweises in Besitz desgleichen ist. Für das Wochenende waren zwar kalte Temperaturen angesagt, doch Schnee war nicht angekündigt. Bei der Ankunft in Willingen waren wir dann erstaunt, wie sehr schon alles zugeschneit war, der Skigott (wenn es denn einen gibt) hatte doch noch kurzfristig für das Herabfallen der weißen Pracht gesorgt und Willingen in einen weißen Schleier umhüllt. Bei unseren ersten Schritten durch Willingen fühlte wir uns nicht etwa wie in einem mittelgroßen Gebirge sondern eher wie in einem Skigebiet im Herzen der Alpen, Sölden oder Ischgl. Der ganze Ort war voll mit Touristen aus ganz Europa, Reisebussen und einer unzählbaren Menge an Fahnen, die hauptsächlich dem polnischen Fanlager zuzuordnen waren. Für uns ging es dann weiter ins Hotel „Sauerlandstern“ in dem auch die Sportler untergebracht waren und das bis auf das letzte Zimmer komplett ausgebucht war.
Beim diesjährigen Weltcup fußte zum ersten Mal ein neues Punkte- und Wertesystem, Willingen-five genannt. In diese Extra-Gesamtwertung fließt neben den Wettkampfsprüngen bei den beiden Einzel-Wettbewerben am Samstag und Sonntag auch der Qualifikationssprung vom Freitag ein. So konnten die Athleten bei insgesamt fünf Sprüngen punkten. So richtig profitieren konnte die Deutsche Mannschaft von der neuen Regelung jedoch nicht. Eine andere Nation überragte an beiden Tagen; der Norweger Daniel-Andre Tande sowie sein Kollege Johann Andre Forfang holten sich den Sieg am Samstag beziehungsweise am Sonntag. Richard Freitag verlor während des Wettbewerbs im Sauerland das Gelbe Trikot des Weltcup-Führenden an den Polen Kamil Stoch, der als Vierter und Zweiter seine stabile Verfassung demonstrierte. Freitag, der zum Auftakt mit 0,8 Punkten Rückstand knapp hinter Tande gelandet war, kam zum Abschluss des Wochenendes mit den Bedingungen gar nicht zurecht und landete nach zwei verpatzten Versuchen (128m und 118,5m) nur auf dem 28. Platz – so schlecht schnitt er in diesem Winter zuvor nicht ab. Der Sachse versuchte hinterher, die für ihn unbefriedigenden Resultate zu relativieren: „Ich glaube, es ist völlig egal, ob man mit einem guten oder einem schlechten Ergebnis rüberfährt. Ich hadere nicht und freue mich drauf“, sagte er.
Doch das Abschneiden des letzten Weltcups vor dem diesjährigen Highlight des Wintersports, den olympischen Winterspielen in PyeongChang, stand bei den Organisatoren generell im Hintergrund. Für Willingen ist dieses Wochenende der Höhepunkt des Jahres. Wer nach dem Skispringen noch die besondere Atmosphäre genießen will und keine Scheu vor einer wilden, feiernden und begeisternden Masse hat, der kann danach noch in die umliegenden Brauhäuser ziehen und bis in die Morgenstunden zu freudiger Schlagermusik abfeiern. Das es am nächsten Morgen schon um 10 Uhr wieder mit dem Springen weiterging war dann keinem der Zuschauer anzumerken: Gut gelaunt und voll motiviert ging es in den letzten Sporttag, bei dem der ein oder andere auch von dem umliegenden Skigebiet Gebrauch machte und die hervorragenden Pistenbedingungen ausnutzte.
Rudi und ich traten am Sonntag nach einem ausführlichen Bad in der örtlichen Lagune den Heimweg an. Dass wir das winterliche Idyll nun wieder verlassen mussten und zurück in den grau-tristen Ruhrpott mussten, störte uns weniger. Ein überragendes Wochenende lag hinter uns, dass wir so schnell erst mal nicht vergessen werden. Das gleiche Resümee zog auch Jürgen Henssel, der sich darüber freute, dass sich der Winter pünktlich zurückgemeldet hatte und auch der Wind an allen drei Tagen mitspielte, sein Fazit: „Ein Traum.“